Der Mann im Mond

Es muss zwischen 1993 und 1994 gewesen sein. Ich kann mich nicht genau erinnern, aber ich denke, ich war fünf oder sechs Jahre alt.
Einen Großteil meiner Kindheit verbrachte ich bei Ärzten und in Krankenhäusern.
Sie versuchten meine Schmerzen im linken Knie, welche aufgrund von akutem Rheuma auftraten, in den Griff zu bekommen und zu behandeln.
So kam es auch in jenem Sommer dazu, dass ich im Kinderkrankenhaus stationär aufgenommen wurde.
Ich kam in ein 5-Bett-Zimmer. Drei Betten auf der linken Seite des Zimmers, zwei auf der rechten.
Links lag ein kleiner Junge in einem Gitterbett. Er war vielleicht drei Jahre alt, hatte dunkle Haut und schwarze Haare. Durch die hohen weißen Gitterstäbe sah ich, dass seine Beine eingegipst waren. Neugierig schaute er mich an.
Und dann war da noch ein anderer Junge. Er lag in einem Bett auf der rechten Seite des Zimmers und war ca. ein bis zwei Jahre älter als ich. Als ich ihn ansah merkte ich, dass er ganz anders aussah als die Jungen, die ich kannte.
Er hatte keine Haare auf dem Kopf.
Ich bekam das Bett auf der rechten Seite des Zimmers neben den Jungen ohne Haare.

Er hieß Lars und zusammen mit ihm kam den ganzen Sommer keine Langeweile auf.     
Lars und ich hatten das gleiche „Handicap“- wir mussten Bettruhe einhalten. Ich, weil mein Knie überdimensionale Größe angenommen hatte und Lars … ja, was war mit Lars?
Ich wusste es nicht, traute mich auch nicht zu fragen.
Aber in dieser Situation war es auch gar nicht wichtig zu wissen. Fakt war: es war Sommer und wir mussten das Bett hüten. Wir versuchten das Beste daraus zu machen.

In der Nacht wurden wir von dem kleinen Jungen im Gitterbett auf Trapp gehalten. Er kam aus dem Ausland, konnte nur wenige Worte deutsch und war vollkommen begeistert von Autos.
„Auto, Auto, Autoooooo faaaaaaahren“ rief er mindestens drei Mal in der Nacht mit voller Inbrunst.
Lars und ich hatten nach langer Tüftelei herausgefunden, wie man den Kleinen in diesen Situationen „ruhig stellen“ konnte (auch, wenn das wohl kaum eine pädagogisch wertvolle Methode war): „Morgen fahren wir Auto“ rief einer von uns beiden reflexartig und mit klopfendem Herzen, weil man von ihm ruckartig aus dem Schlaf gerissen wurde.
Der Kleine war zufrieden und wir konnten alle schnell weiterschlafen.

Die langen Sommertage verbrachten wir mit Kassettenhören und kreativen Bastelangeboten einer Frau, die jeden Tag in unser Zimmer kam, um beispielsweise Broschen aus Knete herzustellen.
Wir wussten nicht genau wer diese Frau war, die jeden Vormittag mit einer staccato-artigen Aussprache á la „Gu-ten Mor-gen ihr Lie-ben, was wollen wir denn heu-te mach-en?“ in unser Zimmer stürmte.


Außerdem hörten wir viel Musik. Vor allem das Lied „Mann im Mond“ von den Prinzen hat uns sehr beschäftigt.
Jede Nacht schien der Mond durch unser Fenster und wir sangen:


[…]Manchmal wird der Mann im Mond
Für seinen treuen Dienst belohnt.
Und wenn du ihn ganz lieb anschaust,
dann holt er die Laterne raus […]

Es kam fast jede Nacht zu Sommergewittern. Ich hatte große Angst vor dem Donner und den Blitzen. Da erzählte mir Lars, dass jedes Mal, wenn es blitzte, der Mann im Mond mit seiner Taschenlampe in unser Zimmer leuchtete. Er begann wieder zu singen: „Manchmal wird der Mann im Mond...“ und ich setzte mit ein „…für seinen treuen Dienst belohnt…“
Seit diesem Tag hatte ich nie wieder Angst vor einem Gewitter.

Nach ein paar Wochen Bettruhe kam ein überraschender Tag für mich: ich durfte das Bett verlassen. Niemand erzählte mir vorher, was auf mich zukommen würde.
Ich bekam eines dieser wahnsinnig schicken OP-Nachthemden übergeworfen und schon ging die Fahrt im Rollstuhl los.
Eine Schwester brachte mich in ein anderes Gebäude, welches zum Krankenhaus gehörte. Dazu mussten wir den halben Krankenhaus-Park durchqueren und es war ein schönes Gefühl, die Sonne wieder direkt auf der Haut zu spüren.
In dem Gebäude angekommen, sollte ich mich auf eine dieser Liegen setzen und warten.
Aber auf was sollte ich warten?
Auf einmal ging eine Tür auf und ein älterer Mann mit grauen Haaren sagt: „So, es geht los.“
Was? Was geht los? Jetzt hatte ich Angst!
Er winkte mich zu sich. Ganz langsam stand ich auf und ging zu ihm. Der Mann schob mich in den Raum. Sollte ich jetzt nochmal untersucht werden?
Nein! Ich stand in einem riesigen Hörsaal. Die Bankreihen bauten sich beängstigend vor mir auf und hunderte Studenten starrten mich an.
An das, was dann passierte, erinnere ich mich nur schleierhaft. Ich musste einige Male auf und ab laufen, Kniebeugen machen und andere akrobatische Turnübungen durchführen.
Völlig verwirrt, was das denn nun war, wurde ich wieder in mein Zimmer gebrachte.

Das musste ich unbedingt Lars erzählen!
Während ich die Tür zu unserem Zimmer öffnete, sprudelte es schon aus mir heraus.
Dann blieb ich schlagartig stehen.
Lars´ Bett war leer.
Vielleicht war er gerade bei einer Untersuchung!?
Ich wartete den ganzen Tag.
Er kam nicht mehr wieder.

Lars hatte Krebs.

Kommentare:

  1. Oh je.. das ist eine sehr traurige Geschichte.
    Es ist zwar wirklich schön, dass du deinen Sommer zusammen mit Lars im Krankenhaus besser aushalten konntest, aber bei dem Ende bekommt man mal wieder gezeigt, wie hart das Leben sein kann. :(

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  2. Ist Dir die Geschichte passiert oder hast Du sie nur geschrieben?
    Wirklich toll geschrieben übrigens - ich würde gerne mehr lesen.

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  3. Wow! Auch wenn die Geschichte sehr traurig ist, du kannst wunderbar schreiben. Ich hatte am Ende einen Kloß im Hals. Mach weiter so!

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„Schreiben ist etwas sehr Persönliches. Dabei zuzusehen ist langweilig, und in der Regel bleibt die größte Freude dabei dem vorbehalten, der tatsächlich schreibt.“
(Audrey Niffenegger)